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Lese-Ecke für Kinder



stammt aus der Feder des Gartenfreundes Jörg Reddöhl (40), verheiratet mit Tanja (40).
Sie haben zwei Kinder, Paula (9) und Bente (5).
 
Bevor sie vor ca. 5 Jahren einen Garten in der Anlage Bockfeld pachteten, hatten sie
eine „ Scholle“ im Steinbergsfeld.
 
Tanja und ihre Mutter waren zuvor Mitglied in der Anlage Hohnsen.
Man kann sie also als „ alte Hasen „ im Kleingartengeschäft bezeichnen.

Jörg schreibt gern kleine Geschichten, um sie seinen Kindern oder auch deren Freunden vorzulesen.







Das Bild zeigt Jörg
Reddöhl, im
Vordergrund Tochter Bente mit Freundinnen und Freunden im Kleingarten


Die Sonne hatte schon so viel Kraft, dass Marek den herannahenden Sommer auf seiner noch winterblassen Haut spüren konnte.

Marek, Mareike, Janne, ihre kleine Schwester Mathilda und Ben, der vergangenes Jahr aus Berlin in unsere Stadt gezogen war, und ich, ich bin Jakob, saßen mal wieder mehr oder weniger gelangweilt auf der Tischtennisplatte. Die Tischtennisplatte des Gemeinschaftsgartens unserer Kleingartenanlage “Wiesengrün” war unser Treffpunkt. Eigentlich war es eher die Kleingartenanlage unserer Eltern. Und genau das war das Problem. Als wir so alt waren wie Mathilda, da war das ja noch okay, wir hatten unser kleines Beet mit ein paar Blümchen und einer stattlichen Regenwurm- und Schneckenhaussammlung. Aber jetzt? Marek, Janne, Mareike und ich gehen in die 4 c, wir sind alle so etwa 10 und Ben ist schon 12.

Unsere Lust auf Gartenarbeit war aus dem Winterschlaf nicht wieder aufgewacht. Ganz im Gegensatz zu unseren Eltern, die jede freie Minute mit dem Spaten oder der Rosenschere in der Hand verbrachten. “So kann es nicht weitergehen”, ergriff Marek das Wort. “Wir können doch nicht den ganzen Sommer auf einer Tischtennisplatte verbringen”, ergänzte ich. “Nö, dass wär echt öde”, grummelte Janne. Mareike nickte zustimmend. Mathilda waren unsere Probleme dagegen völlig egal. Sie vervollständigte unverdrossen, ohne eine Spur von Langeweile, ihre Schneckenhaussammlung und präsentierte uns stolz jeden neuen Fund. “Hey Leute, lasst den Kopf nicht hängen, ich glaube, ich habe da eine Idee”. Ben, der sonst so Schweigsame, sagte das mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht. Wir warteten gespannt auf die Fortsetzung seiner Rede. “Na und Ben? Nun mal raus mit der Sprache”, Mareike konnte es nicht mehr abwarten. “Ich hab euch doch mal von meinem Onkel aus Berlin erzählt. Könnt ihr euch erinnern?” wollte Ben wissen. Wir nickten. “Mein Onkel Stefan, der hat als Student mit ein paar Freunden in Berlin mal so ein leerstehendes Haus besetzt und darin gewohnt.” Wir guckten uns verdutzt an und wussten nicht recht, was Ben uns damit sagen wollte. “Wie wär’s mit einem kleinen Abenteuer? Wir kennen doch alle die alte, halb verfallene Laube im Garten Nummer 144, der ganz oben am Ende des Eulenweges. Der Garten hat doch schon seit Jahren keinen Spaten mehr gesehen und er liegt so schön versteckt. Wie wär’s, wenn wir uns dort einen neuen Treffpunkt einrichten?”, Ben schaute fragend in die Runde. Marek und ich waren uns schnell sicher. Abenteuer hörte sich gut an und wir würden ja niemandem einen Schaden zu fügen, auch wenn es sicher verboten war. Andererseits war der Garten nicht einmal abgeschlossen und die Laube stand völlig leer. Mareike und Janne zögerten noch, stimmten dann aber doch zu. Wir bildeten einen Kreis und schwörten mit niemandem über unseren Plan zu sprechen. Jedem wurde eine Aufgabe zugeteilt. Mareike und Janne sollten Farben und Pinsel besorgen, Ben musste sich um eine Heckenschere und andere Gartengeräte kümmern, Marek war für die Innenausstattung zuständig und ich war für die Verpflegung verantwortlich.

Im Laufe der nächsten Tage machten wir aus einer Kleingartenruine ein kunterbuntes Phantasieschloss. In Anlehnung an unsere Kleingartenanlage nannten wir es “Schloss Wiesengrün”. Unsere Eltern bekamen von all dem nichts mit. Sie wunderten sich nur darüber, dass sie mehr Zeit mit der Suche nach Gartengeräten verbrachten als sonst. Vielleicht wunderten sie sich auch darüber, dass das Wort Langeweile aus unserem Wortschatz gestrichen wurde. Gesagt haben sie nichts. Wir hatten so viel Spaß wie noch nie. Marek hatte von seiner Oma eine alte Matratze und jede Menge Kissen besorgt.

Wir erzählten uns Gruselgeschichten oder daddelten mit unseren Nintendos, ohne dass wir gestört wurden. Und wir haben sogar ein Beet angelegt. Ein Erdbeerbeet. Ben hatte mit seiner Heckenschere jede Menge Erdbeerpflanzen freigelegt, die wir hegten und pflegten. Es waren sicher die prachtvollsten Erdbeeren der gesamten Anlage, allein schon deswegen, weil wir sie höchstpersönlich aufgepäppelt hatten. Und geschmeckt haben die.  

Einen ganz bestimmten Tag hatten wir jedoch in unserem Plan nicht bedacht. Der Tag der Gartenbegehung. Der komplette Gartenvorstand marschierte an diesem Tag durch die Gartenanlage um zu kontrollieren, ob alles in Ordnung. Es war alles in Ordnung, fast alles, im Eulenweg Nr. 144 war etwas nicht so, wie es sonst war. Da unser Schloss Wiesengrün in der hintersten Ecke der Gartenkolonie lag, erreichte die Kommission ihr Ziel erst mit Beginn der Dämmerung. Ein bisschen hatten wir uns auf fremden Besuch eingerichtet. Wir hatten den Wildwuchs zum Weg hin nicht angerührt, so dass eigentlich alles wie immer aussah, hätte Mathilda nicht im falschen Moment ihre Taschenlampe ausprobiert. Ein Lichtkegel durchdrang das zerschlagene Laubenfenster und leuchtete dem 1. Vorsitzenden Herrn Grünberg genau ins Gesicht. Wir waren ertappt und durften uns nicht nur von Herrn Grünberg eine Standpauke anhören. Auch unsere Eltern waren wenig begeistert. Dabei hatte sich niemand Schloss Wiesengrün angesehen, weder der Gartenvorstand noch unsere Eltern.

Erst einige Tage später wendete sich das Blatt und damit der ganze Sommer. Herr Grünberg hatte einen Tag festgelegt, an dem wir unser Domizil räumen sollten. Wir baten unsere Eltern um Hilfe, die an diesem Tag zum ersten mal unser Werk sehen sollten. Jannes Mutter rieb sich staunend die Augen:” Das habt alles ihr gemacht?” Wir nickten mit gesenktem Kopf. Ben’s Mutter hatte die rettende Idee. Sie griff zu ihrem Handy und wählte Herrn Grünbergs Nummer. “Hallo Herr Grünberg”, begrüßte sie Herrn Grünberg. “Hätten sie wohl ein paar Minuten Zeit für uns? Garten Nr. 144, sie wissen schon.” Herr Grünberg schien zugestimmt zu haben. Auf jeden Fall bedankte sich Ben’s Mutter und sagte: “Bis gleich, Herr Grünberg, das ist sehr nett von ihnen!” Bis zu Herrn Grünbergs Erscheinen stellte Ben’s Mutter ihre Idee den anderen Eltern vor. Wir waren total überrascht und ziemlich aufgeregt, denn damit hatten wir nicht gerechnet.  Herr Grünberg kam pünktlich. Ben’s Mutter empfing ihn freundlich und versuchte ihm ihre Idee nahe zu bringen. Herr Grünberg schaute finster drein. Was sollten so ein paar freche Rotzlümmel schon auf die Beine gestellt haben? Wie ein General durchschritt er die Gartenpforte und verzog dabei keine Miene. Erst einige Meter weiter sah er die froschgrüne Laubenwand, auf der wir unser “Schloss Wiesengrün”-Schild angebracht hatten. Herrn Grünbergs Gesicht entspannte sich. Aber erst als er die vollreifen Erdbeeren sah, blickte er zu Ben’s Mutter herüber und nickte zustimmend. Bei unseren Eltern brach Jubel aus. Auch wir Kinder rissen die Arme in die Luft und tanzten im Kreis herum.

Schloss Wiesengrün war nun offiziell unser neuer Treffpunkt. Herr Grünberg war damit einverstanden, dass unsere Eltern gemeinsam die Pacht für den aus dem Dornröschenschlaf erwachten Garten übernehmen wollten.

Und zu unserer großen Überraschung organisierten unsere Eltern einige Tage später eine kleine Einweihungsparty, zu der auch Herr Grünberg eingeladen war.
Als Gastgeschenk brachte Herr Grünberg einige Flaschen selbstgemachte Erdbeerlimonade mit.

                                                                                                   Jörg Reddöhl